Alexandra Schmelz

25.05. Seoul

Seoul = gesprochen Soul

Selfmade-Sightseeing – Soweit die Füße tragen –

Nachdem wir bei Dunkelheit am späten Abend des Vortages in Seoul angekommen sind und unsere Zimmer bezogen haben, machten wir uns erst einmal auf die Suche nach etwas Essbarem. Wir entschieden uns nach einer Woche koreanischem Essen für ein amerikanisches Lokal.
Bei einem kleinen Verdauungsspaziergang kamen wir an einem Platz, an dem eine Demonstration zur Wiedervereinigung Koreas abgehalten wurde. Der weitere Weg führte uns zu einem mysteriösen tempelartigen Eingang, der uns jedoch verwährt blieb.
So machten wir uns auf den Rückweg zu unserem Hotel. Hierbei konnten wir schon am ersten Tag hautnah miterleben, dass es nicht nur Sonnenseiten in Seoul gibt.

In unserer ersten Nacht im neuen Hotel konnten wir erstaunlich gut schlafen (ob das wohl an den bisherigen Anstrenungen der Konzertreise lag?) Zum Frühstück erwartete uns diesmal ein reichhaltigeres Buffet mit Salat, Obst, Cornflakes, Kaffee, den gewohnten Eiern und heute einmal mit Brötchen. Danach machten sich alle auf den Weg in ihre Zimmer, um die Noten für die anschließende Probe zu holen. Willi musste an der Rezeption einen Zwischenstop einlegen, um seine frisch gewaschene Wäsche zu holen. Im Aufzug machte er dann seinen Unmut luft, da dies nicht so einfach war: „Des Orschloch wollt mir meine Wäsch nimmer gem.“

Die erste Probe fand heute um 10 Uhr im Meetingroom des Hotels statt. Leider mussten wir feststellen, dass dieser viel zu klein war.  So verlegten wir die Probe in den Fitnessraum und probten so zwischen Laufbändern und Ergometern.
Jörg und Armin wollten sich in der Zwischenzeit nach einer anderen Alternative umschauen. Tatsächlich hatten sie Erfolg. Wir konnten in eine benachbarte Kirche mit Klavier ausweichen und probten dort zu Ende. Die Freude über einen gefunden Proberaum währte jedoch nicht lange. Wir bekamen die Nachricht, dass wir dort nicht ohne offizielle Genehmigung proben dürfen. Jetzt hieß es für uns die Augen aufzuhalten, um eine neue Räumlichkeit zu finden.

Den restlichen Tag hatten wir zur freien Verfügung, um Seoul zu entdecken. Unsere Tour begann aus reiner Neugierde an dem tempelartigen Eingang, der gestern für uns verschlossen blieb. Der Gyeongbokgung Palace ist einer der umfassendsten und prachtvollsten Paläste der Joseon-Dynastie (1392-1910). Eine magische Anziehungskraft ging von den Tempelbauten aus (wir wollten eigentlich keine mehr sehen) und ließ uns mit einer großen Menschenmenge hineinströmen. Nachdem der Eintritt wegen eines Kulturtages an diesen Tag frei war, war es für uns keine Frage, uns diese prächtigen Bauten anzusehen.
War es Zufall, dass wir dort hin gehen sollten? Nein, Zufälle gibt es nicht, wie wir feststellten. Auf einem Platz war eine Bühne aufgebaut, auf der sich gerade Musiker einspielten. Dieses Lied kam uns gleich bekannt vor – Arirang.
Nach vielen tollen Eindrücken trieb uns ein leichtes Hungergefühl auf die Suche nach einer geeigneten Lokalität. Dies gestaltete sich aber schwieriger als in Busan, wo sich an jeder Ecke eine Gelegenheit bot. Schließlich fanden wir um 14.15 Uhr einen koreanischen Italiener, der allerdings um 14.30 Uhr die Last Order aufgab. Hier hieß es also wieder Tempo beim Essen aufzunehmen, aber das waren wir ja schon gewohnt. Um 14.45 Uhr hatten wir dann die leckeren Pizzen verdrückt.

Unsere Tour ging weiter in die gegenüberliegende Seoul Anglican Cathedral. Unser eigentliches Ziel sollte der Namdaemun-Markt sein, welches wir nach dieser Besichtigung ansteuerten. Auf dem Weg dorthin kamen wir am Deoksugung Palace vorbei, der ideal für einen Spaziergang ist. Dort begegneten uns – durch Zufall? – im großem Seoul 2 Mädels aus dem Streitauer Gesangverein – Inge und Maria.

Nachdem wir gemütlich von kulturellen Paraden begleitet durch den Park geschlendert waren, fühlten wir uns bereit, eine Kaffepause einzulegen. Wir ließen uns im Dunkin & Donats nieder. Da unser Kaffee sehr heiß serviert wurde, nutzen wir die Gelegenheit, um Postkarten mit unseren Wisch-Kästla zu verschicken. Des Weiteren studierten wir unseren Stadtplan, wie wir zum Namdaemun-Markt gelangen. Für einen kleinen Moment kam hier wieder der Gedanke auf, dass wir ja eigentlich Ausschau nach einem geeigneten Proberaum halten wollten. Unsere „Freiheit“ und „Kulturgier“ lies uns das aber ganz vergessen. Wie wir unseren Kai kennen, wird dieser schon etwas finden. Wie sich später herausstellte, sollten wir damit Recht behalten.

Nach einem gefühlten Fußmarsch durch halb Seoul standen wir direkt vor dem Namdaemun-Markt. Geflashed von dem turbulenten Treiben und der Menge an Waren und Menschen an allen Ecken und Enden, war unser Staunen kaum zu überhören. Plötzlich kam eine uns bekannte Sprache aus dem Hintergrund: „Das ist noch gar nichts, gehen sie mal mit nach unten. Da kaufen die ganzen Koreaner ein, angeboten werden sämtliche Importwaren aus der ganzen Welt.“ Es stellte sich heraus, dass die Stimme einer Frau gehörte, die hier Deutschlehrerin ist. Sie begleitete uns nach unten und verabschiedete sich wieder und wünschte uns viel Spaß.
Es reihten sich tatsächlich hunderte von Ständen auf engstem Raum hintereinander. Man könnte meinen, ganz Seoul sei unterkellert. Das Angebot reichte von Pillen, Klamotten, Schmuck, Alkohol und Essen, bis hin zu einem Fischmarkt. Wir stellten dabei fest, dass wir anscheinend die einzigen Europäer im diesem Untergrund waren.

Auf dem Weg zu unserer nächsten Station, der Myeong-dong Cathedral, kamen wir an den unterschiedlichsten kulinarischen Straßenständen vorbei. Der beginnende Feierabend trieb nach unserem Empfinden alle Koreaner auf diese Straße, um ihre mobilen Geschäfte aufzubauen und die bereits hungrig wartenden Gäste zu sättigen. Hier hätte wirklich jeder etwas finden können. In der Cathedrale selber  konnten wir sogar noch einen Teil der Liturgie beiwohnen.

Jörg, unser Guide schwärmte uns von der Brücke Banpodaegyo vor, wo wir eine Rainbow Fountain Show erleben sollten. Dies hatte laut Karte den Anschein, dass sie diese am anderen Ende von Seoul liegt. Es stellte sich die Frage, ob wir diesen Fußmarsch noch schaffen würden. Schnell waren wir uns einig, dass wir es wagen wollten, mit der U-Bahn dorthin zu fahren. Gesagt, getan. Die Linie 3 war schnell gefunden und so mussten wir nur noch die Tickets lösen. Dies war wider erwarten, leichter als gedacht. Mit diesem Glücksgefühl stiegen wir in die Bahn ein und fuhren zur Banpodaegyo Brücke. Am Ausstieg war dann weder von einem Fluss noch von einer Brücke etwas zu sehen. Auch die Stadtkarte gab uns wenig Informationen, wohin wir gehen sollten. Glücklicherweise sind die Koreaner sehr hilfsbereit und wir bekamen Auskunft, dass wir die Straße hinunter laufen sollten, dann links abbiegen und „nur“ zwischen den Wohnblocks durch müssen, um dorthin zu gelangen. Der nette Koreaner wies uns darauf hin, dass die Show bis 21 Uhr gehe und fragte, ob wir zu Fuß gehen wollten. Hatte er eine Vorahnung, wie weit dieser erneute Fußmarsch sein würde? Wir jedenfalls ahnten es nicht.
Nach unzähligen Wohnblocks erreichten wir schließlich eine Brücke. Es kamen jedoch ernsthafte Zweifel auf, ob wir am richtigen Ort seien. Unser Guide macht uns immer wieder Mut, auf dem richtigen Weg zu sein. Und tatsächlich, er sollte Recht behalten. Die wundervolle Show entschädigte alle Strapazen.
In der bereits angebrochenen Dunkelheit machten wir uns auf den Rückweg zu unserem Hotel. Dieses lag aber, wie soll es anders sein, am anderen Ende von Seoul .
Der Gedanke, dass es beim Rückweg immer schneller geht, ließ uns schnell voran schreiten. Einzig allein unser Glückspilz Manuela konzentrierte sich noch nicht auf das Sitzen in der U-Bahn. Freudestrahlend hielt sie uns einen 50.000 Won-Schein vor die Nase, den sie unter einem Brückendurchgang gefunden hat. Dieses Glücksgefühl brachte uns anscheindend im Null-Komma-Nix zur U-Bahn-Station.
Mit Vorfreude auf nur wenige Meter Fußmarsch bis zum Hotel, bemerkten wir in der U-Bahn, dass wir hier in Seoul schon im 23. Jahrhundert angekommen sind. Jeder Koreaner in dieser U-Bahn (wirklich jeder) hat eine enge, anscheindend nicht zu trennende Verbindung zu seinem Wisch-Kästla. Die Müdigkeit lies uns Ausschau halten nach einer Sitzgelegenheit. Diese fand ich als erste. Am Ende des Abteils war doch tatsächlich ein Platz neben einem älteren Herren frei. Dieser nickte mir freundlich zu und fragte, woher ich denn komme. Die Antwort, dass wir aus Deutschland sind, erfreute ihn so sehr, dass wir ins Gespräch kamen. Er erzählte voller Stolz, dass er etwas Deutsch spreche. Nach einem kurzen Austausch über den Grund unseres Aufenthalts, ließ er das Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ erklingen. Er liebe Deutsche Musik, vorallem Brahms – Zufall??? Natürlich durfte der mir bereits bekannte Visitenkartenaustausch nicht fehlen.
Nach dann insgesamt 10 Stunden und ca. 20 km Wegstrecke, gefüllt mit überwältigenden Eindrücken und Begegnungen, Kultur und hautnahem Erleben  des koreanischen Lebens – ist nun der Tag zu Ende gegangen und macht uns abermals glücklich, bei dieser Reise dabei sein zu dürfen.

Text: Alexandra Schmelz/Thiemo Sieß

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